"Wir wurzeln alle im Alltage.
Seine Gewohnheiten machen für die
meisten schlechthin das Leben aus.
In diesem Alltag, den bloss der unbesonnene
Élegant des Geistes bespöttelt, liegt etwas
sehr Grosses ... liegt unsere Cultur."
Michael Haberlandt: Cultur im Alltag. Wien 1900.



Montag, 23. Dezember 2013

WERTSACHE NR. 2: Ganz normale Schulhefte


Schulheft von Erwin Schrödinger, Quelle



Es ist schon eine Weile her, dass hier die erste "Wertsache" gepostet wurde - doch nun ist Nr. 2 fällig. Anlass: die Blogparade "Dinge, die aus unserem Alltag verschwinden" (# dailyvanish), zu der "der Museumsheld" Sebastian Hartmann auf seinem Blog zu Museum & Social Web aufgerufen hat. Hier mein persönliches #dailyvanish:

Natürlich achtet man als kritischer und historisch wie theoretisch reflektierter Museumsmensch darauf, keinen vulgären nostalgischen Anwandlungen zu erliegen... Doch manchmal passiert es doch, dass man Dinge nicht nur als materielle Zeugen der Vergangenheit im Museum bewahrt wissen will, sondern auch im eigenen Leben gerne noch länger um sich hätte. Zu diesen Dingen zählen für mich die "ganz normalen" Schulhefte, mit denen ich aufgewachsen bin. Derzeit gibt es zwar noch Schulhefte (wie lange wohl noch?), aber die sind in der Regel so hässlich (finde ich zumindest) und mit so viel pastelligem oder schreiend buntem Schnickschnack bedruckt, dass ich sie nicht haben und verwenden will. Ja, auch der Schule längst entkommen, habe/hätte ich Bedarf an solchen unspektakulären und preiswerten Heften. Meine ungeniert rückwärts gewandte Sehnsucht gilt den grauen, blauen und orangen Heften meiner Kindheit und Jugend (vor meiner Zeit waren sie oft schwarz - auch das wäre mir sehr genehm), die nichts als ein Beschriftungsetikett auf ihrem Umschlag hatten und in ihrer ästhetischen Bescheidenheit die ideale Grundlage für das Beschreiben, Bemalen, Bekritzeln, Bekleben etc. abgaben. Will man heute etwas vom Design her ähnlich Zurückhaltendes erwerben, bieten sich - soweit ich das überblicke - nur völlig überteuerte Lifestyleprodukte an. Aber ich möchte nicht überlegen, ob ich so ein teures Heft für diese oder jene Notiz überhaupt verschwenden "darf" (zumal es ja auch einigen Aufwand bereitet, so ein Heft überhaupt zu finden und zu besorgen). Die leider bereits verschwundenen einfachen und billigen Hefte (die es noch dazu praktisch überall gab) erhoben nicht den Anspruch, etwas Besonderes zu sein und waren einfach zum Benützen und Verbrauchen da.  



Sonntag, 22. Dezember 2013

DRUCKSACHE NR. 30: Gottfried Pirhofer über die Mariahilfer Straße in Wien



Noch einmal die Mariahilfer Straße: der Wohnbau- und Stadtforscher Gottfried Pirhofer hat vor kurzem im Sonderzahl Verlag das Buch "Maria Hilf! Eine Straße geht ihren Weg" veröffentlicht (mit einem Vorwort von Friedrich Achleitner und Fotografien von Johannes Faber) - Beobachtungen und Reflexionen über eine der wichtigsten Wiener Straßen, und: eine Polemik gegen die "Fuzo Mahü".



Freitag, 20. Dezember 2013

FOTOSACHE NR. 24: Weihnachtseinkauf vor 100 Jahren






Das letzte Einkaufswochenende vor Weihnachten steht bevor... Auch wenn viele denken, dass der vorweihnachtliche Konsumrausch ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart ist - ganz so neu ist es nicht mehr. Bereits vor 100 Jahren überboten sich die Geschäfte und Warenhäuser gegenseitig mit speziellen Angeboten, üppigen saisonalen Dekorationen und ausgedehnten Öffnungszeiten. Ein Hotspot war schon damals die Wiener Mariahilfer Straße. In meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung geht es morgen um dieses Thema - am Beispiel des Warenhauses Herzmansky und einer Reklamepostkarte mit einer fotografischen Abbildung obiger "grossartiger, sehenswerter Weihnachts-Dekoration". 


Dienstag, 17. Dezember 2013

TERMINSACHE NR. 54: Verrückt, verrutscht, versetzt



Vom 7. bis 8. Februar 2014 findet in Hamburg im Warburg-Haus eine von der Isa Lohmann-Siems Stiftung veranstaltete Tagung mit dem schönen Titel "Verrückt, verrutscht, versetzt. Zur Verschiebung von Gegenständen, Körpern und Orten" statt.  Auf der Tagesordnung stehen Vorträge zu Themen wie materialisierte Erinnerung, versetzte Heilige, verrückte Körper, Organtransplantationen oder verrutschte Gewänder.
 

Ankündigungstext:

Als alltagskulturelle Technik spielt das Verschieben ebenso eine Rolle wie als Strategie und Motiv der Künste. Die Verschiebung von Gegenständen, Körpern und Orten ist ein Prozess, der sich ununterbrochen vollzieht. Auch wenn er nicht unbedingt mit einer Störung der Ordnung einhergeht, sondern sich unauffällig ereignet, kann durch ihn Aufmerksamkeit erzeugt und Sinn konstituiert werden sowie eine eigene Ästhetik entstehen.
Im Zentrum der Tagung stehen Themen, die sich mit der Praxis des - bewussten oder unbewussten - Verrückens, Verrutschens und Verschiebens 
beschäftigen. Es geht um Dinge, die nicht mehr an dem Platz sind, dem sie (vermeintlich) originär entstammen oder dem sie zugewiesen worden sind. Manchmal sind sie nur ein klein wenig verrutscht, manchmal an eine gänzlich andere Stelle gerückt. Dadurch kann sich ihre Bedeutung ,verschieben', aber auch die Bedeutung des verlassenen oder neu eingenommenen Ortes oder Raumes wandeln. Was passiert vor, während und nach Verschiebungen? Lassen sich Prinzipien beobachten und wo liegen mögliche Grenzen? Was sind die kulturanalytischen Potentiale in der Auseinandersetzung mit Phänomenen der Verschiebung?
 


Nähere Infos und Programm hier.


Montag, 16. Dezember 2013

FUNDSACHE NR. 40: Kurz vor Weihnachten...






...sieht es in den Wiener Weinbergen heuer so aus: Sonnenschein, blühende Sträucher und österlich anmutende Deko-Hasen!



Donnerstag, 12. Dezember 2013

FORSCHUNGSSACHE NR. 8: Materialisierung von Kultur



Der 39. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde war dem Thema "Materialisierung von Kultur. Diskurse Dinge Praktiken" gewidmet - jetzt gibt es auf hsozkult einen Tagungsbericht dazu. 


Mittwoch, 11. Dezember 2013

ANSICHTSSACHE NR. 46: Maschinendrusch



Photographie "Maschinendrusch"



Objekt des Monats Dezember 2013 aus den Sammlungen der Universität Wien ist eine Fotografie auf einem Archivblatt aus dem Institut für Europäische Ethnologie. Besonders freut mich, dass es sich um eine Karteikarte handelt, die von Helmut P. Fielhauer angelegt wurde, denn sein kritisches und erneuertes Verständnis von Volkskunde / Europäischer Ethnologie (wozu u. a. die damals keineswegs selbstverständliche Beschäftigung mit Alltagsphänomenen, proletarischer Kultur, Stadtleben oder sozialer Ungleichheit zählte) war der Grund, wieso ich dieses Fach studiert habe. 



 

Photographie "Maschinendrusch"

Auf beschriftetem Karteiblatt fixierte s/w-Photographie
Maße: 9 x 14 cm (Karteiblatt 21 x 29 cm)
Nachlass Fielhauer
Aus der Sammlung des Instituts für Europäische Ethnologie

Die deutschsprachige Volkskunde/Europäische Ethnologie hat sich lange Zeit vorwiegend mit agrarwirtschaftlich geprägter „Volkskultur“ vormodernen Zuschnitts beschäftigt und dabei vor allem die festlich begangenen Zäsuren des Jahres- und Lebenslaufs beachtet. Vergleichsweise spät berücksichtigt wurden dagegen die alltäglichen Arbeitsverhältnisse, wie sie unter jeweils zeitbedingt unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Vorzeichen gestanden sind.

Die hier aus dem Nachlass von Univ. Prof. Helmut Fielhauer (1937–1987) gezogene Karteikarte bzw. Photographie dokumentiert diese auch im Wiener Institut in den frühen 1970er Jahren einsetzende Erweiterung der Erkenntnisinteressen des Faches. Fielhauer hatte sich über viele Jahre mit der Gutshofwirtschaft im nordöstlichen Niederösterreich während der Zwischenkriegszeit beschäftigt. Dabei galt seine Aufmerksamkeit zum einen der spezifischen hierarchischen Organisationsform der Gutshöfe und der Rolle dieser landwirtschaftlichen Großbetriebe im sozio-ökonomischen Strukturwandel der Landwirtschaft, zum andern aber auch den Arbeits- und Lebensumständen der in dieser Wirtschaftsform tätigen Landarbeiterschaft, vor allem den aus der Gegend östlich der March stammenden slowakischen Saisonarbeitern. Die Photographie zeigt eine Drescherpartie Mitte der 1920er Jahre, die nach beendetem Drusch neben und zum Teil auf der Dreschmaschine posiert – ein häufiges und beliebtes Sujet damaliger regionaler Berufsphotographie, wie die seinerzeitige (durch die Adressierung auf der Rückseite ersichtliche) Verwendung des Gruppenbildes als Grußkarte verdeutlicht. Das Bild erinnert an eine frühe Phase der Maschinisierung der Landwirtschaft, zugleich aber auch daran, dass auch von technischen Innovationen geprägte Arbeitweisen bestimmte Formen gemeinschaftlicher ritueller Überhöhungen des Alltags zulassen, allgemeiner gesagt: dass Tradition und Moderne einander nicht ausschließen.

Das hier gezeigte Objekt steht exemplarisch für all die bildlichen und schriftlichen Dokumentationen und Aufzeichnungen, die in den Forschungsnachlässen ehemaliger Institutsangehöriger nicht nur fachgeschichtlich interessante Zeugnisse früherer Forschungsinteressen oder Erhebungsmodalitäten, sondern durchaus auch Materialien für konkret-aktuelle weiterführende Fragen bereitstellen. 


Text und Foto: Herbert Nikitsch




Dienstag, 10. Dezember 2013

TERMINSACHE NR. 53: Das Evidenz-Bild - Nationalsozialismus in Österreich


Vortrag:
Ingo Zechner: Das Evidenz-Bild: Nationalsozialismus in Österreich
16.12.2013 , 18:00 Uhr
IFK, Wien

Ankündigungstext:

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: das verspätete Eintreffen motorisierter Vortrupps der Wehrmacht auf der Wiener Ringstraße, nachdem die NS-Machtergreifung längst stattgefunden hat; das improvisierte Straßenschild „Adolf Hitler Platz“ in einem Wiener Vorort; die Abschaffung des Gummiknüppels der uniformierten Polizei, gefolgt von der Ausrüstung paramilitärischer Verbände mit Gewehren und Bajonetten. Der Zweideutigkeit seines Namens zum Trotz ist das Evidenz-Bild kein Beweis-Bild, sondern allenfalls Ausgangs- und Endpunkt einer diskursiven Beweisführung. Seine Evidenz ist die einer vermeintlich unmittelbaren Einsicht. Das Evidenz-Bild ist jedoch eingebettet in Bilder, die nicht zu uns sprechen, von denen man nicht oder nicht unmittelbar weiß, wer und was in bzw. auf ihnen zu sehen ist, wo und wann sich das Geschehen abspielt. Das Zukunftsfonds-Forschungsprojekt „Ephemere Filme: Nationalsozialismus in Österreich“ hat sich zum Ziel gesetzt, diese Bilder gleichsam zum Sprechen zu bringen und das Evidenz-Bild daraufhin zu untersuchen, ob es tatsächlich zeigt, was wir zu sehen glauben. Zu diesem Zweck wurde eine Technologie entwickelt, die erstmals eine präzise synchrone Annotation von kinematografischen Bildern ermöglicht.



Mittwoch, 4. Dezember 2013

DRUCKSACHE NR. 29: Geschichte der Dinge aus Papier



Bereits vor zwei Jahren erschienen, jetzt für hsozkult rezensiert von Swen Steinberg:

Schmidt-Bachem, Heinz: Aus Papier. Eine Kultur- und
Wirtschaftsgeschichte der Papier verarbeitenden Industrie in Deutschland
[50 schw.-w. Abb.]. Berlin: de Gruyter 2011. ISBN 978-3-11-023607-1; 984
S.; EUR 159,95.


Dem Rezensenten ist Recht zu geben in seiner Kritik daran, dass der umfangreiche (und entsprechend schwere) Band oft lückenhaft und sprunghaft in der Darstellung ist (was nicht zuletzt der Quellenlage geschuldet ist) und manchmal eher wie eine Materialsammlung zum Thema wirkt. Dennoch ist das Werk speziell auch für all jene sehr nützlich, die sich mit eher "abgelegeneren" Papierthemen beschäftigen, da man zumindest Anhaltspunkte für die weitere Recherche finden kann - zumal ja viele alltägliche Papierdinge bisher kaum historisch gewürdigt bzw. aufgearbeitet worden sind. 

 

Dienstag, 3. Dezember 2013

DRUCKSACHE NR. 28: Kulturgeschichte der österreichischen Küche


Cover des Buches 'Kulturgeschichte der österreichischen Küche'


Peter Peter, der bereits eine "Kulturgeschichte der deutschen Küche" sowie eine "Kulturgeschichte der italienischen Küche" vorgelegt hat, widmet sich in seinem neuen Buch der "Kulturgeschichte der österreichischen Küche" (erschienen 2013 im C.H.Beck Verlag, München).

Österreich als eine "Großmacht kulinarischer Kultur", in der das Kulinarische ein wichtiges Alltagsthema ist -  von dieser Feststellung aus entwickelt der Autor ein Panorama der österreichischen Ess- und Trinkkultur, das mit der frühen keltischen Besiedelung beginnt und in der Gegenwart endet. Neben der Wiener Küche kommt auch jene der Bundesländer in den Blick, regionale Spezialitäten werden ebenso behandelt wie international bekannte Speisen (Wiener Schnitzel, Sachertorte etc.). Den einzelnen Kapiteln sind jeweils exemplarische Rezepte beigegeben (vom Althallstädter Ritschert bis zur Grammeltorte von Manfred Buchinger). Ein Literaturverzeichnis und ein Begriffsverzeichnis der österreichischen Küchensprache runden den Band ab. Die Berücksichtigung der Alltagsperspektive manifestiert sich nicht zuletzt in den zahlreichen Abbildungen: Fotos von Armenküchen und Hamsterern finden sich ebenso wie solche von Würstelständen, Beiseln oder Frauen in Küchenschürzen.
    

Montag, 2. Dezember 2013

RECHERCHESACHE NR. 2: Suche nach Baukeramik der Wiener Firma Brüder Schwadron - Ausstellungsprojekt



In der Zeit von 1899 bis 1938 hat die jüdische Firma Brüder Schwadron in Wien (angesiedelt zunächst in der Wollzeile, dann am Franz-Josefs-Kai) viele Zinshäuser und auch öffentliche Gebäude wie beispielsweise das Dianabad und das Amalienbad mit baukeramischen Arbeiten ausgestattet und dabei mit zahlreichen namhaften Architekten und Künstlern zusammen gearbeitet. 1938 wurde das Unternehmen arisiert.

Ein partizipatives Ausstellungsprojekt von Tina Zickler (Idee und Konzept) und Lisa Rastl (Fotografie) soll nun die Geschichte der Firma Schwadron aufarbeiten und präsentieren. Teil der Ausstellung wird auch eine interaktive Raumskulptur sein: Bereits im Vorfeld der Ausstellung sind die Wienerinnen und Wiener ausdrücklich zur Partizipation aufgefordert, d.h. Fotos ihres persönlichen Umfelds, das Spuren des Schwadron'schen Wirkens zeigt, per E-Mail einzureichen. Nähere Informationen dazu hier. 

Die von den Brüdern Schwadron gestalteten Fußböden und Wandverkleidungen in Hauseingängen und Stiegenhäusern sind häufig mit Signaturleisten versehen und daher relativ leicht zu identifizieren - Bildbeispiele finden sich auf der Website des Projekts. 


Samstag, 30. November 2013

FUNDSACHE NR. 37: Zeit der Taschentücher






Passend zur Kälte und zu all den verschnupften Menschen um einen herum: Eine Vorlage für eine Kreuzstichstickerei für ein "Taschentuchsachet", gefunden in einer katholischen Frauenzeitschrift aus dem Jahr 1928. In dieser Handarbeit verknüpfen sich zwei "weibliche" Aufgaben- und Betätigungsfelder: Die Sorge um Hygiene und Gesundheit einerseits und das Handarbeiten andererseits. Kenntnisse in Nähen, Stricken, Sticken, Flicken usw. zählten auch noch 1928 zur üblichen Ausrüstung für ein Frauenleben, auch wenn die traditionellen Weiblichkeitsnormen durch den Ersten Weltkrieg teilweise aufgebrochen worden waren. Textile Handarbeiten dienten nicht nur dem kreativen Zeitvertreib, häufig hatten sie auch eine schlechte Versorgungslage zu kompensieren - das hatte nicht nur der Weltkrieg drastisch vor Augen geführt, auch in der wirtschaftlich prekären Zwischenkriegszeit mussten viele Frauen schlicht aus der Not heraus zu Nadel und Faden greifen.      



Freitag, 29. November 2013

DRUCKSACHE NR. 27: BilderMACHT



Gerhard Paul, einer der wichtigsten Vertreter der Visual History im deutschsprachigen Raum, hat ein neues Buch vorgelegt:

Gerhard Paul: BilderMACHT. Studien zur Visual History des 20. und 21.
Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein Verlag 2013. ISBN 978-3-8353-1212-8;
676 S., 287 überw. farb. Abb.; EUR 39,90.


Eine ausführliche Rezension von Bernd Stiegler findet sich auf hsozkult



Donnerstag, 28. November 2013

ANSICHTSSACHE NR. 45: Augenphantom & Kugelsucher



Foto: Josephinum / Bene Croy


Noch eine "Ansichtssache" auf derStandard.at - dieses Mal verweist sie auf die Ausstellung "Augenphantom & Kugelsucher" im Josephinum, den Sammlungen der Medizinischen Universität Wien.
Die Abbildung zeigt eine Amputationssäge, sie stammt vermutlich aus dem 18. Jahrhundert. 

Augenphantom & Kugelsucher
Einblicke in die Instrumentensammlung des Josephinums
mit einer Intervention von Tillman Kaiser
kuratiert von Simon Weber-Unger und Moritz Stipsicz

Eröffnung: Montag, 2. Dezember 2013 um 19h
Ausstellungsdauer: 6. Dezember 2013 - 3. Mai 2014 


Ankündigungstext: 

Die Instrumentensammlung im Josephinum zählt zu den bedeutendsten Sammlungen medizinischer Instrumente im deutschsprachigen Raum und umfasst knapp 2.500 Objekte. Sie enthält Instrumente aus allen Teilbereichen der Medizin und dokumentiert die Geschichte der Medizin seit Ende des 18. Jahrhunderts, insbesonders in Bezug auf die Erforschung des menschlichen Körpers und die Entwicklung technischer Hilfsmittel zu Diagnose und Heilung.
Viele der Instrumente wurden von berühmten Vertretern der Medizinischen Fakultät Wien in Zusammenarbeit mit führenden Instrumentenherstellern der Zeit entwickelt und stammen aus deren persönlichen Besitz; manche wurden in der Folge seriell produziert, andere wurden speziell für verschiedene Institute oder Professoren hergestellt und blieben Unikate, die heute einzigartige Schätze darstellen.
Schwerpunkte in der Ausstellung bilden einerseits chirurgische Werkzeuge, wie das „Instrumentarium Chirurgicum Viennense“, das ab den 1770er Jahren vom ersten Leiter des Josephinums Giovanni Alessandro Brambilla entworfen wurde, andererseits Instrumente aus dem Physiologischen Institut, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert zur Vermessung unterschiedlichster Körperteile und -funktionen hergestellt wurden.
Als Teil der Ausstellung wird eine neue Arbeit des österreichischen Künstlers Tillman Kaiser (* 1972, Graz) präsentiert, die sich ebenfalls auf die Instrumentensammlung des Josephinums bezieht und für die eine Serie von Fotogrammen von Objekten aus der Sammlung entstanden ist. Diese künstlerische Intervention ist gleichzeitig der Anfang einer geplanten Reihe von Kooperationen mit zeitgenössischen Künstlern im Josephinum unter dem Titel Chiasmata.



Passend zur Amputationssäge ein weiteres Stück aus den Sammlungen des Josephinums:


Foto: Josephinum


Dienstag, 26. November 2013

ANSICHTSSACHE NR. 44: Der Wiener Karlsplatz in historischen Bildern


Die Baustelle bei der Errichtung des Historischen Museums der Stadt Wien, 1950er Jahre (© Wien Museum)



"Kein Platz, sondern eine Gegend" (Otto Wagner) und "das eigentliche Herz von Wien" (Hans Weigel) - der Karlsplatz in einer "Ansichtssache" mit zahlreichen historischen Bildern und Videos auf derStandard.at: "Der Wiener Karlsplatz. Von der Aulandschaft zum 'Chaosplatz'" (von Michael Matzenberger).

Weitere Bilder und Karlsplatz-Geschichten finden sich im Katalog zur Ausstellung "Am Puls der Stadt - 2000 Jahre Karlsplatz" (Wien Museum, 2008, erschienen im Czernin Verlag, Wien).
Ansichten der Ausstellung gibt es hier.


Samstag, 23. November 2013

FOTOSACHE NR. 23: Weiße Kleider


© Archiv Susanne Breuss


Heute in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung: Dieses Foto, aufgenommen im Wiener Fotoatelier Bing, ca. um 1910. Im Text dazu geht es um die Bedeutung der weißen Farbe in der Kinderkleidung.

 
Susanne Breuss: Unpraktischer Luxus (= Fotoglosse schwarz & weiß). In: Wiener Zeitung Extra, 23./24. November 2013, S. 43.


Mittwoch, 20. November 2013

TERMINSACHE NR. 52: Materielle Kulturforschung



In Gotha findet vom 5. bis 7. Dezember 2013 eine Tagung zum Thema "Materielle Kulturforschung. Eine Zwischenbilanz. Zum epistemischen Gewinn einer vermeintlich neuen Perspektive" statt. Nähere Infos und Programm hier.


Dienstag, 19. November 2013

TERMINSACHE NR. 51: Anton Tantner erhält den Wiener Preis für Stadtgeschichtsforschung



Gratulation an Anton Tantner - er bekommt für seine Habilitation über Adressbüros im Europa der Frühen Neuzeit den Wiener Preis für Stadtgeschichtsforschung. 
Nähere Infos und Programm der Festveranstaltung hier.

Preisverleihung:
Donnerstag, 28.11.2013, 18:30
Wiener Rathaus, Festsaal, Felderstraße 1, Feststiege I, 1010 Wien


Freitag, 15. November 2013

TERMINSACHE NR. 50: Bebilderte Welt


Podiumsdiskussion: Bebilderte Welt. Dokumentarische Formen des visuellen Berichtens in Kunst, Ethnografie und Fotojournalismus


Donnerstag, 21. November 2013, 18 Uhr
Österrichisches Museum für Volkskunde, Wien 
In Kooperation mit EIKON – Internationale Zeitschrift für Photographie und Medienkunst
Eintritt frei

Ankündigungstext:
Fotojournalismus, Ethnografie und Kunst verfügen über vielfältige Strategien, sich auf einer visuellen Ebene mit der Welt auseinanderzusetzen. So vielfältig die Intentionen sind, mit Bildern die Welt zu erkunden, so unterschiedlich sind auch die Formen des Wiedergegebenen. Wie sehen diese aus? Und an welchen Stellen überlagern sich die Felder Kunst, Ethnografie und Fotojournalismus? Welche Methodik kommt in den jeweiligen Bereichen zum Einsatz? Welches Bild von der Welt können Kunst, Ethnografie und Fotojournalismus in einer visuell dominierten Zeit erzeugen, was sind ihre Kanäle? Und: Welche Erzählungen und Gegenerzählungen liefern sie uns?


Teilnehmer:
Reinhard Braun, Kurator und Autor mit Schwerpunkt Medien und Fotografie; seit 2011 Herausgeber der Zeitschrift Camera Austria International und leitender Kurator von Camera Austria; lebt und arbeitet in Graz.
Matthias Christen, Medienwissenschaftler, Professor für Medienwissenschaften an der Universität Bayreuth.
Dr. Thomas Overdick, Volkskundler, Leiter des Flensburger Schifffahrtsmuseums. Arbeitsschwerpunkte: Visuelle Anthropologie (Fokus Fotografie und Ethnographie), Museologie, maritime Volkskunde.
Moderation: Herbert Justnik (Österreichisches Museum für Volkskunde)




Dienstag, 12. November 2013

TERMINSACHE NR. 49: Tagung zu Konsum



Im LWL-Institut für westfälische Landesgeschichte in Münster findet vom 29. bis 30. November 2013 eine Tagung zum Thema "Die vielen Gesichter des Konsums. 1850-2000" statt. Die Vorträge beschäftigen sich u. a. mit dem Fahrrad, mit Gas und Elektrizität als Konsumgüter und mit der Entwicklung urbaner Einkaufsräume. 

Nähere Informationen und Programm hier.


Sonntag, 10. November 2013

ANSICHTSSACHE NR. 43: Die englische Flagge als Klopapier

http://www.wienbibliothek.at/bilder/objekt-des-monats-ab-nov2010/obj-nov13-gr.jpg



Die englische Flagge als Klopapier - das ist das Objekt des Monats November 2013, präsentiert auf der Website der Wienbibliothek im Rathaus.
Der dazu gehörende Text:

Einst wehte ich stolz am Maste hoch
Beherrschte die Seen und Meere keck
Da kam der 18. Feber jedoch
Und siehe da, ich lieg im ...
Fremdenhass als patriotische Tugend

Nach Kriegsbeginn 1914 sind Angehörige fremder Nationen auf der Straße oder in Straßenbahnwaggons vielfach Belästigungen, Beschimpfungen, ja sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt, weil sie irrtümlich für Angehörige feindlicher Staaten gehalten werden. So werden in Wien Chinesen mit Japanern („Alle Kineser san Japaner!“ heißt die Formel in den „Letzten Tagen der Menschheit“), Nordamerikaner mit Engländern, Polen mit Russen verwechselt und attackiert. Zeitungen appellieren an die Bevölkerung, Zurückhaltung zu üben, auch wegen des Fremdenverkehrs. Gleichzeitig wird mobilisiert. Der Fremdenhass gibt sich als patriotische Tugend und wird auch offiziell gepflegt. Alte, wohlbekannte Geschäftsschilder werden entfernt. Es gibt in Wien keine „Stadt Belgrad“ mehr und keine „Stadt Paris“ und keine „Englische Flotte“. In den Luxusgeschäften verschwinden Schilder wie „On parle francais“ und „English spoken“.
„Gott strafe England“

„Gott strafe England!“ – Der Gruß entsteht in den Schützengräben der Westfront. Bald ist er, aus dem Deutschen Reich kommend, auch in Wien verbreitet. Er soll etwa „Guten Tag“ ersetzen, die Anredeform „Gott strafe England!“ wird beantwortet mit „Er strafe es!“(ÖVZ (Österreichische Volkszeitung) 25.2.1915). Um den Gruß populär zu machen, werden auch Schilder produziert. Das Objekt des Monats zeigt Klopapier mit der englischen Flagge. Damit wurde Engländern gezeigt, was die Österreicher von ihnen halten. Die deutsche Admiralität erklärte, dass vom 18. Februar 1915 an die Gewässer rings Großbritanniens und Irlands einschließlich des gesamten englischen Kanals als Kriegsgebiet behandelt würden. Jedes Schiff, auch solche mit neutraler Flagge, musste damit rechnen, versenkt zu werden.


Freitag, 8. November 2013

TERMINSACHE NR. 48: Wien im Ersten Weltkrieg - Ausstellungseröffnung und Buchpräsentation in der Wienbibliothek






Die Wienbibliothek im Rathaus zeigt vom 15. November 2013 bis zum 23. Mai 2014 im Ausstellungskabinett und im Foyer eine Ausstellung zum Thema "Wohin der Krieg führt. Wien im Ersten Weltkrieg 1914-1918." Gezeigt werden Erinnerungsstücke aus der sog. "Kriegssammlung". Dabei handelt es sich um eine Sammlung, die auf Betreiben des damaligen christlich-sozialen Wiener Bürgermeisters Richard Weiskirchner in den Städtischen Sammlungen (heute: Wienbibliothek und Wien Museum) angelegt wurde, um die "Große Zeit" des imperialen Aufbruchs zu dokumentieren. Weiskirchner selbst bestückte diese Sammlung mit ihm gewidmeten Publikationen und an ihn ergangenen Briefen sowie mit Objekten, die er im Zuge von Reisen an die Front sammelte. Weiters wurden alle Magistratsabteilungen per Dekret dazu aufgefordert, sämtliche Plakate aufzuheben, und die Städtischen Sammlungen zweigten bei den zahlreichen Charity-Aktionen, durch die die Stadt mit Unmengen an Bildpostkarten, Kokarden, Lesezeichen, Vivatbändern, Medaillen, Verschlussmarken und Kunsthandwerk überschwemmt wurde, stets Exemplare für sich ab. Sie arbeiteten auch mit Gerichten und der Zensur zusammen, um an Bücher aus dem feindlichen Ausland zu kommen. Zu den Beständen der Sammlung zählen auch Lebensmittelmarken, Fläschchen mit Ersatzmitteln sowie konserviertes "Kriegsbrot". Die Objekte aus dieser Kriegssammlung werden in der Ausstellung mit der Lebensrealität der Kriegsjahre konfrontiert. 
Nähere Infos hier.

BUCHPRÄSENTATION & AUSSTELLUNSERÖFFNUNG
IM EPIZENTRUM DES ZUSAMMENBRUCHS.
WIEN IM ERSTEN WELTKRIEG

14. November 2013, 18.30 Uhr
Wappensaal des Rathauses
1010 Wien, Rathaus
Eingang Felderstraße, Feststiege 1
Buchpräsentation
Begrüßung
Karl Fischer, Verein für Geschichte der Stadt Wien
Grußworte
Andreas Mailath-Pokorny, Stadtrat für Kultur und Wissenschaft
Zum Buch
Alfred Pfoser, Wienbibliothek
Andreas Weigl, Wiener Stadt-und Landesarchiv

Kriegslieder von Benatzky, Lehár, Stolz und Ziehrer
Karin Wagner, Klavier
Csongor Szantó, Gesang
Karl Kraus-Texte aus der »Fackel«
Franz Schuh

Ausstellungseröffnung
Foyer und Ausstellungskabinett der Wienbibliothek
Rathaus, Stiege 6, 1. Stock
Eröffnung und Erstbesichtigung der Ausstellung
Alfred Pfoser, Kurator
»Wohin der Krieg führt. Wien im Ersten Weltkrieg 1914-1918«

Anschließend Brot und Wein

Detaillierte Informationen hier.
Einlass: 18.30 Uhr, freie Platzwahl, Plätze sind beschränkt! 




Montag, 4. November 2013

TERMINSACHE NR. 47: Chaos und materielle Kultur



Am 22. November 2013 findet an der Universität Oldenburg eine Tagung zum Thema "Chaos und materielle Kultur" statt (organisiert von NachwuchswissenschaftlerInnen des Instituts für materielle Kultur).


Ankündigungstext:

Das Phänomen "Chaos" wird auf der Tagung "Chaos und materielle Kultur" interdisziplinär auf die Frage hin untersucht, welche Bedeutung es als Quelle für Handlungsimpulse hat. Chaos und Zerfallsprozesse werden in den Naturwissenschaften intensiv untersucht. Sie sind aber ebenso von Interesse für die Geisteswissenschaften. Ein Ausgangspunkt der Materielle-Kultur-Forschung ist dabei, dass 'Chaos' die unberechenbare Umwelt sein kann, in der Objekte Halt geben. Man geht dabei davon aus, dass es gerade die Dinge sind, über die sich die Menschen die Welt symbolisch aneignen und die sie in ihrem Alltag verankern. Doch auch die Dingwelt ist von begrenzter Beständigkeit. Menschen sind daher - auch unbewusst - immer damit beschäftigt, (materielle) Ordnungen wieder herzustellen, um Bedeutungen zu erhalten. Dies geschieht durch alltägliche Ordnungshandlungen, Pflege, Restauration und ritualisierte Handlungen. Auf dieser Tagung wird das Konzept erweitert und 'Chaos' außerdem als mögliche Zustandsgröße materieller Kultur gesehen, die einen Aufforderungscharakter hat und Menschen zur handelnden Tätigkeit veranlasst. Zu diesem Zweck werden ExpertInnen verschiedener Fachrichtungen das Phänomen "Chaos" aus ihrem Blickwinkel beleuchten und an diesem Fokuspunkt die Forschung zusammenbringen.

Nähere Infos und Programm hier


Freitag, 1. November 2013

ANSICHTSSACHE NR. 42: Geisterfotografie



Happy Halloween!Spooky fact: SFMOMA’s collection includes a large body of work by Dr. William J. Pierce, an early photographer who attempted to capture spirits on film. See for yourself!Image: Dr. William J. Pierce, “Spirit Photographs” (1903); Collection SFMOMA



Passt zu Halloween und zu Allerheiligen / Allerseelen: 1903 aufgenommene "Spirit Photographs" von Dr. William W. Pierce aus der Sammlung des SFMOMA  (San Francisco Museum of Modern Art). Auf der Website des Museums gibt es noch zahlreiche weitere Beispiele dieser in der Frühzeit der Fotografie recht beliebten "Geisterfotos" zu sehen.


Donnerstag, 31. Oktober 2013

ANSICHTSSACHE NR. 41: Gruseln und sparen - Halloween meets Weltspartag




Poster fom the Poster Collection Traimer (Vienna, Austria 1957). Savings Bank advertising. Cartel de la Caja de Ahorros 1957. Affiche de la Caisse d'épargne. (ウィーンのポスターコレクション)
Heinz Traimer: Sparkassenwerbung von 1957. (Plakat im Wiener-Strassenbahn-Format 37 x 32 cm)


Halloween (oder Hallowien, wie es in Wien gerne genannt wird) ist mittlerweile auch ein österreichischer Brauch, was sich 2013 sogar in einem Sondermarkenblock der Österreichischen Post manifestiert. Entsprechendes Dekorationsmaterial und Accessoires unterschiedlichster Art hält seit Jahren jeder Supermarkt bereit, verkleidete Kinder und Bad Taste-Parties für Erwachsene sind auch hierzulande fixer Bestandteil des 31. Oktober (sehr nette historische Halloween-Kostüme - allerdings nicht aus Österreich - gibt es hier, hier und hier zu sehen). Allein in Wien werden heuer laut Standard-Bericht 11 Millionen Euro für Halloween ausgegeben. 
Eine beachtliche Summe, die man auch anders investieren könnte, wie Kritiker dieses "importierten" Brauches gerne ins Feld führen. Und natürlich könnte man dieses Geld auch sparen - schließlich ist der 31. Oktober (in Österreich seit 1925) auch Weltspartag.   


Heinz Traimer: Weltspartagsplakat der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien, um 1958/59


Der Grafiker Heinz Traimer (1921-2002) hat dem Weltspartag ebenso wie der Sparkassenwerbung von 1954 bis 1980 in Form zahlreicher Plakate eine konkrete Gestalt verliehen. Sein Werk wurde vom Wiener Kunsthistoriker Matthias Bechtle im Rahmen einer Diplomarbeit aufgearbeitet und kann jetzt auf einer ebenfalls von Bechtle erstellten Website zur Sammlung Traimer besichtigt werden - hier finden sich zahlreiche Beispiele für Plakate rund um das Thema Sparen (darunter die beliebten Sparefroh-Plakate) sowie informative Texte zu Leben und Werk Traimers. 


Kauf kein Kamel - Wer spart hat mehr vom Geld. Plakatentwurf für die Sparkasse von  Heinz Traimer (um 1959, DIN A4). Humoristische Werbung.
Plakatentwurf für die Sparkasse von Heinz Traimer (um 1959, DIN A4).


Mittwoch, 30. Oktober 2013

TERMINSACHE NR. 46: Volkskunde - Museum - Stadt



Vom 7. bis 8. November 2013 findet im Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien ein von Birgit Johler und Magdalena Puchberger konzipierter und organisierter Workshop zum Thema "1930–1950. Volkskunde - Museum - Stadt" statt (
im Rahmen des mehrjährigen, vom Austrian Science Fund/FWF geförderten Projektes „Museale Strategien in Zeiten politischer Umbrüche. Das Österreichische Museum für Volkskunde in den Jahren 1930-1950“ - Infos dazu hier).


Ankündigungstext:


Der Titel deutet die Eckpunkte des Workshops an: Der begrenzte Forschungszeitraum von 20 Jahren bildet die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Rahmung der im Workshop zu verhandelnden Perioden: Erste Republik, austrofaschistischer Ständestaat, Nationalsozialismus und Zweite Republik sollen konzentriert behandelt werden und dennoch Platz für breite Kontextualisierung, für qualitative ‚Tiefenbohrungen‛ wie auch für vergleichende Herangehensweisen bieten.

Volkskunde – Museum – Stadt steht für die zeitgenössisch zu verfolgenden Bereiche Wissenschaft und Wissen im volkskundlichen Feld, das Museum als Institution und Ort der (Re)Präsentation und Interaktion, sowie die spezielle Formierung des Feldes in der einzigen österreichischen Großstadt dieser Jahre – Wien.

Der Workshop thematisiert und diskutiert zum einen Desiderata in der bisherigen Darstellung des Wiener Museums für Volkskunde, damit zusammenhängend auch in der bisherigen volkskundlichen Fachgeschichtsschreibung. Weiters sollen unterschiedliche Positionen und Aspekte der Wissen­schaftsgeschichte, hier insbesondere die Verbindung von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, der volkskundlichen/europäisch-ethnologischen Fachgeschichte, der Museumswissenschaft, der aktuellen Stadtforschung, Alltags- und Popularkulturforschung, Studien zu Akteuren und Netzwerken etc. für das Forschungsvorhaben vielfältige Bezüge eröffnen und so die Perspektiven auf die Wiener volks­kundliche Museumsinstitution und auch auf das Fach erweitern. Neben Fragen zu Inhalten und Schwerpunkten einer konkreten historisch-empirischen Forschung und Darstellung sollen theoretische und methodische Zugänge sowie Potentiale und Schwierigkeiten in der Verwendung von bestimmten Termini/Terminologien erörtert werden.


 

Programm:

Donnerstag, 7.11.2013

13.30, Begrüßung, Einleitung: Matthias Beitl, Konrad Köstlin (Wien)

13.45–14.30, Einführung
Birgit Johler und Magdalena Puchberger (Wien): 1930–1950: Museum für Volkskunde, Wien

14.30–15.00, Kaffeepause

15.00–15.45
Lioba Keller-Drescher (Tübingen): Lost World oder Etwas hat überlebt? - Aspekte historisch-ethnografischer Wissensforschung

15.45–17.15, Über die Zeiten: Kontinuitäten und Brüche volkskundlichen Wissens
Michael Greger (Graz): „…unter den schützenden Fittichen des deutschen Aares…“. P. Romuald Pramberger (1877–1967) in der Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“ der SS
Herbert Nikitsch (Wien): „Volkskunde für Jedermann“. Fachgeschichtliche Assoziationen zu einer „volkstümlichen Darstellung unserer Volkskultur“ anno 1950
Kommentar: Heidemarie Uhl (Wien), Jens Wietschorke (Wien)


Freitag, 8.11.2013

9.30–10.15
Reinhard Johler (Tübingen): Epochen/Grenzen der österreichischen Volkskunde

10.15–10.30, Kaffeepause

10.30–13.00 (inkl. kurze Pause), Volkskulturelle Praktiken in der Großstadt
Iris Mochar (Wien): Von Volksliedgesang und Volkssängern. Singen in Wien um 1930: Ländliches, Lokales und Urbanes im Widerspruch?
Magdalena Puchberger (Wien): Weltanschauliche Verortungen: Puppenspiel und Volkskunde im Spannungsfeld zwischen Groß-, Klein- und Vorstadt
Sabine Imeri und Franka Schneider (Berlin): Volkskundliches Milieu und urbane Praktiken. Von Lichtbildvorträgen, Sonntagsausflügen und Trachtenfesten in Berlin vor 1945 

Kommentar: Siegfried Mattl (Wien), Brigitta Schmidt-Lauber (Wien)

13.00–14.30, Mittagspause

14.30–16.00, Handlungs(spiel)räume im Nationalsozialismus
Birgit Johler (Wien): Zu den „kriegswichtigen Aufgaben“ des Museums für Volkskunde im Nationalsozialismus. Konstruktionen, Handlungen, Vermittlungen
Petra Svatek (Wien): „Raum“ und Volk: Hugo Hassinger und die Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft 1931–1945
Kommentar: Mitchell Ash (Wien), Elisabeth Timm (Münster)

16.00–16.30, Kaffeepause

16.30–17.30, Abschlussdiskussion, Moderation: Elisabeth Timm



Dienstag, 29. Oktober 2013

FUNDSACHE NR. 35: Ein höflicher Roboter





Auf der Erfinder-Ausstellung in Kassel wurde dieser sechs Zentner schwere Roboter im Jahr 1961 dem staunenden Publikum vorgestellt. Er begrüßte die Besucher mit Handschlag und einem Blumenstrauß. Sein Name war Sabor und er konnte Feuer geben, Samba tanzen und Fragen beantworten. Per Fernsteuerung gehorchte er seinem "Herrn und Meister" auch noch auf große Entfernung, wie die Zeitschrift Hobby, aus der diese Abbildung stammt, informierte. Das Foto zeigt eine für die damalige Zeit typische Szene bzw. Roboter-Inszenierung: Ein "höflicher" Roboter begeistert eine gut aussehende Dame mit einer zuvorkommenden und hilfreichen Geste.

Diese Fundsache ist eine gute Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass die Roboter-Ausstellung im Technischen Museum Wien bis 8. Dezember 2013 verlängert wurde.


Montag, 28. Oktober 2013

DRUCKSACHE NR. 26: Texte von Anton Tantner online



Verschiedene Monographien und Aufsätze des Wiener Historikers Anton Tantner können online gelesen werden - eine Liste findet sich hier (neben Texten über seine Schwerpunktthemen Hausnummerierung und Adressbüros zum Beispiel auch seine Diplomarbeit über "Schlurfs. Annäherungen an einen subkulturellen Stil Wiener Arbeiterjugendlicher").


Donnerstag, 24. Oktober 2013

FOTOSACHE NR. 22: Ein Hotel im Gebirge



© Archiv Susanne Breuss


Das Hotel Pragser Wildsee in den Dolomiten ist nicht nur im Hinblick auf die Entwicklungsgeschichte des Südtiroler Tourismus interessant, sondern auch in zeithistorischer Hinsicht - hier landeten am Ende des Zweiten Weltkriegs zahlreiche prominente KZ-Häftlinge, darunter der ehemalige österreichische Bundeskanzler Schuschnigg.
Morgen (Freitag, 25. Oktober) erscheint im Rahmen meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung eine kurze Geschichte dieses typischen Jahrhundertwendehotels in der alpinen Ausprägung (mit einer anderen Ansichtskarte als Abbildung). 



Dienstag, 22. Oktober 2013

DRUCKSACHE NR. 25: Fremdes Essen


Maren Möhrings Habilitation ist bereits vergangenes Jahr unter dem Titel "Fremdes Essen. Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland" in Buchform erschienen - jetzt gibt es auf hsozkult eine ausführliche Besprechung von Manuel Schramm dazu.


Montag, 21. Oktober 2013

WILD THING NR. 1: Auto-Klimamaske





"Der nächste Schnupfen kommt bestimmt, dachte dieser Fahrer wohl, ehe er sich die neue Auto-Klimamaske über den Kopf zog. Warmluftbehandlung ist immer noch das beste Mittel gegen Schnupfen."
(Hobby Nr. 26/1962)



Freitag, 18. Oktober 2013

TERMINSACHE NR. 45: Papier im Mittelalter



In Heidelberg findet vom 14. bis 15. November 2013 eine Konferenz zum Thema "Papier im Mittelalter. Herstellung und Gebrauch" statt - nähere Informationen und das Tagungsprogramm gibt es auf hsozkult.


Montag, 14. Oktober 2013

ANSICHTSSACHE NR. 40: Wandbemalungen in Joseph Haydns Wohnung in Eisenstadt



© Susanne Breuss, 2013 
Freigelegte historische Farbschichten an der Wand von Raum 2



Im Haydn-Haus in Eisenstadt sind in der ehemaligen Wohnung von Joseph Haydn (er wohnte dort mit seiner Frau Maria Anna Aloysia Apollonia Keller von 1766 bis 1778) im Rahmen der Dauerausstellung  "Haydn bürgerlich" nicht nur Aspekte seines musikalischen Schaffens dargestellt, sondern auch sein Privatleben und seine Wohnsituation. Obwohl kaum Originalobjekte erhalten sind (nicht zuletzt deswegen, weil vieles durch zwei Brände zerstört worden ist), macht dieser Teil der Ausstellung sein Leben in "Zimmer, Kuchl und Cammer" ansatzweise nachvollziehbar.
Im Zuge der Restaurierung der Wohnung vor wenigen Jahren wurden die für bürgerliche Wohnverhältnisse überraschend bunten Wandbemalungen aus seiner Zeit freigelegt - einige Details sind auf diesen Fotos zu sehen.  
Im Museumsshop leider nur in einer eher hässlichen Umsetzung als Kühlschrankmagnet erhältlich: Die Worte, die Joseph Haydn in seinen letzten Lebensjahren auf seine Visitenkarten drucken ließ, um sich für ungeliebte Einladungen zu entschuldigen: "Hin ist all meine Kraft, alt und schwach bin ich".  




© Susanne Breuss, 2013


© Susanne Breuss, 2013


© Susanne Breuss, 2013



Sonntag, 13. Oktober 2013

DRUCKSACHE NR. 24: Dinge und materielle Kultur im Bayerischen Jahrbuch für Volkskunde



Die Ausgabe 2013 des Bayerischen Jahrbuchs für Volkskunde legt den Schwerpunkt auf Dinge und materielle Kultur.

Aus dem Inhalt:

Hans Peter Hahn: Vom Eigensinn der Dinge

Gudrun M. König: Wie Dinge zu deuten sind. Methodologische Überlegungen zur materiellen Kultur
Gabriele Mentges: Politische Anthropologie und materielle Kultur. Überlegungen am Beispiel einer postsowjetischen Gesellschaft in Zentralasien
Birgit Speckle: Wert-voll! Bier- und Brotmarken aus Unterfranken. Eine Dokumentation geldloser Abrechnungs- und Zahlungssysteme



Samstag, 12. Oktober 2013

FOTOSACHE NR. 21: Ein inszenierter Motorrad-Unfall



© Archiv Susanne Breuss

 

Nein, es ist kein Unfall, auch wenn die Beschriftung dieser Aufnahme genau das behauptet, und der erste flüchtige Blick zu solcher Deutung verleitet. Das Foto ist das letzte einer kleinen, im September 1933 aufgenommenen Serie, fein säuberlich in ein Album geklebt und mit Anmerkungen versehen. Die Bilder dokumentieren einen Motorradausflug zwischen Lambach und Gmunden. Die Ausflügler: vier junge Männer, zwei junge Frauen, und – stets als Schatten präsent – eine weitere fotografierende Person. Der Eindruck, den die Gruppe vermittelt: verwegen-professionell. Besonders die Frauen wirken so. Sie stecken in Ledermänteln und Stiefeln, während die Männer betont hemdsärmelig auftreten.
Diese Hemdsärmeligkeit hätte sich gerächt, wäre das, was hier zu sehen ist, tatsächlich ein Unfall gewesen. Für einen echten Unfall sind die beiden „Opfer“ jedoch all zu dekorativ drapiert, und bei jenem im Bildvordergrund meint man sogar einen Anflug von verschmitztem Grinsen zu entdecken. Was motiviert wohl dazu, für ein Erinnerungsfoto einen Unfall vorzutäuschen? Ist es purer Übermut am Ende eines schadlos überstandenen Ausflugs? Das anonyme Album gibt darüber keine Auskunft, es bleiben also nur Spekulationen. Nimmt man das heimliche Motto der Knipserfotografie – „wo fotografiert wird, ist es schön“ – ernst, so bedeutet diese Aufnahme: hier ist es schön, weil der Unfall nicht wirklich passiert ist. Fotografiert wurde eigentlich die Abwesenheit eines Unfalls.
Das Fotografieren von richtigen Unfällen hatte zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits Tradition, insbesondere im Rahmen der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Kein geringerer als der bei der Arbeiterversicherungsanstalt in Prag beschäftigte Franz Kafka konstatierte 1909: „Die photographischen Aufnahmen sollen […] nach Unfällen die charakteristische Situation festhalten, welche zum Unfall geführt hat“ - denn so könne die Erkenntnis der unfallbewirkenden Momente wesentlich gefördert werden.
Gefördert wurde durch Unfälle auch die Schaulust. Unfallorte gerieten zur Bühne für ein neugieriges Publikum, wie zahlreiche fotografische Aufnahmen aus der Frühzeit der Motorisierung bezeugen. Wenn heutzutage Unfälle als alltägliche Folgewirkungen des Massenverkehrs gelten, so war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der Schrecken darüber, dass der technische Fortschritt auch massive Gefahren mit sich bringt, noch weit verbreitet. Vor allem auf dem Land war das Straßennetz den neuen, schnellen Fahrzeugen noch kaum angepasst, ebenso wenig wie das Verhalten der Menschen. Der motorisierte Städter gab damals eine beliebte Figur für Karikaturen und Witze ab: Unheil und Gefahren bringend, brach er in die ländliche Idylle ein. Die hier abgebildete Fotografie könnte auch als ein ironischer Verweis auf dieses Image gemeint sein.



Dieser Text erschien erstmals als:

Susanne Breuss: Das Spiel mit der Schaulust (= Fotoglosse schwarz & weiß). In: Wiener Zeitung Extra, 14.3.2009. S. 2.